Du wechselst immer noch ungestört deine Farben

Erzählung

Lidice

Wir stehen hier, Schulter an Schulter, seit einer Ewigkeit; trotzen Wind und Wetter; fürchten uns; wagen nicht uns zu rühren; schauen in die Ferne. Ein paar Steine, Andeutungen, Andenken, zeichnen sich auf den weiten grünen Wiesen ab. Der Himmel stützt sich auf einen Wald am Ende der Welt, wie sich ein Kranker auf seine Krücken stützt, wie sich ein munterer Mensch lässig gegen eine Mauer lehnt.

Und wie er dort stützt, lehnt, einfach da steht! In diesem antiken, edlen Blau, frei von Schmutz; der Sandstein, aus dem die dich fast berührenden Kirchen in den Städten gebaut sind, liegt so schön an dir. Es ist ein tiefes Blau und wenn man hineinschaut, läuft man Gefahr, darin zu versinken oder sich ein paar Schrammen vom Ballspielen einzuholen.

Und manchmal diese kleinen Wolken, die den blauen Fluss unterbrechen, waren immer das Verstörendste für uns. Völlig trüb in Grau oder Weiß zeigst du dich immer noch all zu gerne – ich weiß gar nicht, wer dich traurig gemacht hat. Oft fing es dann an zu regnen. Ich weiß noch, wie wir uns unter Vordächern vor deinen Tränen – ob sie auch uns gewidmet sind? – versteckten. Oder doch lachend in die Pfützen sprangen.

Und zum Abend wählst du deine Farben frei: Pastelllila, wenn du uns in Staunen versetzen wolltest; Blutrot, wenn du wolltest, dass wir den Sonnenuntergang anschauen, ob laut mit Freunden und der Familie oder romantisch, still mit der Freundin im Arm; Schwarz, sodass wir uns fragten, ob du je für uns da warst. Warst du je da?

Wenn wir dich angelacht haben, hast du zurückgelacht? Als wir in deinem Sonnenuntergang tanzten, hast du mit eingestimmt, tanzend oder musizierend, überhaupt nur den Takt mittippend? Zurückgezeigt, als wir die Formen der Wolken nachzogen, wenn wir mehr in ihnen sahen als nur Wolken: Schlösser, Drachen, Gitarren, Herzen, meinen Hund? Hast du genau so geweint und Angst gehabt, als sie kamen und wir gingen? Hast du dir Sorgen gemacht, als wir nicht mehr wieder kamen?

Du hast, wie immer, nur zugeschaut, keine Hand ausgestreckt. Jetzt stehen wir jeden Tag unter dir, ich hoffe du schaust mal herunter und denkst an uns – wir schauen durch tote Steinaugen über die Kuscheltiere zu unseren Füßen auf die weiten Wiesen und bunten Blumen, dorthin wo zuhause war.

D.S.

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