Versuch es zu verarbeiten

Erzählung

Ich habe eine ganze Weile lang an etwas wie einem Sammelband zu einem bestimmten Thema gearbeitet. Der Sammelband ist nicht besonders lang und beinhaltet zehn Erzählungen, die mal länger und mal sehr viel kürzer sind. Die folgende Geschichte ist Teil des Sammelbandes. Womöglich werden noch mehr Texte dieser Art folgen.

Langsam stieg sie von ihrem Podest, färbte die Welt in blasses Pastell, die Augustsonne sank. Der Apfelbaum im Garten rauschte und wenn der junge Künstler von seinem Büchlein aufblickte, entdeckte er Gestalten, die an dem Zaun vorübergingen oder auf ihren Rädern vorüberfuhren. Sie trugen kurze Hosen und Hemden und ihr inzwischen getrocknetes Haar hatte vom Salz und dem warmen Wind von fremden Küsten ein verwehtes Volumen erhalten. Das ein oder andere Auto übertönte ihre ausgelassenen, halblauten Gespräche und den Baum im Garten.
Irgendwann war niemand mehr zu sehen und die Sonne stand tief und tiefrot. Der späte Abend musste eingetreten sein, obwohl, weil es zu dieser Jahreszeit kaum Mondstunden gab, es genau so gut Mitternacht sein konnte. Der junge Mensch stand auf und ging davon, trat über ein paar Treppen in eine Holztür und suchte sein Zimmer auf.
Der Raum war mehr oder weniger spärlich eingerichtet: ein karger Schrank, ein einfaches Bett, aber ein bemerkenswerter Tisch. Dieser Schreibtisch hatte alte, krumme Beine, die eine große glattgeschliffene Tischplatte trugen. Staubiges Sandpapier musste irgendwo zu finden sein, man müsste nur ein paar Stiftfässer verschieben oder Farbkästen und Malblöcke anheben. Vor dem Schreibtisch stand ein ähnlich alter Stuhl auf dem ein Handtuch hing. Daran wischte sich der Künstler seine Hände ab und rutschte an den Tisch, der Stuhl knarzte fürchterlich. Vor ihm lag ein großer Block, die erste Seite mit braunem Papier verdeckt.
Er warf das dicke Deckblatt zurück und blickte auf eine Zeichnung. Die verschiedenen Bleistiftstriche, Schraffierungen und Schattierungen formten das zarte Gesicht eines jungen Mädchens. Ihr Blick, verträumt in eine leere Ferne gerichtet, ließ ihn wie gelähmt dasitzen. Er bestaunte ein reales Gesicht, denn keinem Künstlergenie konnte ein solches Bild der Hand entspringen, nur der Natur war es vorbehalten derartige Schönheit zu erschaffen; der Liebende war dazu verdammt sie abzubilden; so hatte er es getan. Vielleicht war er der Einzige, der dieses Mädchen so ansah, jeder andere ging schulterzuckend an ihr vorbei, aber fiel vor einer anderen auf die Knie.
Schließlich nahm er einen Bleistift, doch außer wenigen blassen Strichen, die sie nicht veränderten nur manchmal bewirkte er ein leichtes Lächeln –, konnte er nichts hinzufügen. Er entschied sich, das Blatt sorgfältig herauszureißen und einzurahmen. Wenige Minuten waren vergangen und es hing gegenüber vom Tisch an der Wand. Er schaute aus der Ferne zu ihr hinauf – egal, was er tat, er kam nie nur ein Stück näher. Das Bild sammelte Staub, ging bei einem Umzug verloren, bloß die Erinnerung blieb.
Wenn er an sie denkt, wird seine Mine immer noch traurig, der Blick wandert auf den Boden, obwohl sich zeitgleich ein warmes Gefühl im Bauch verbreitet. Ihr Lächeln bringt ihn zum Lachen, aber ihre Augen, die so leuchtend durch ihn hindurch schauen, halten ihm all seine Makel vor.
Ich schaue von diesem Blatt auf, zu dir herüber, es ist wie damals, aber an deinem Finger blitzt ein Ring, den ich dir am liebsten auf Knien geschenkt hätte.

D.S.

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Haiku #2 – vergessen, aber im Kopf geblieben

Gedicht

Der Titel mag zwar verwirrend sein, aber es geht mir hier um Nostalgie. Nostalgie ist ein sehr starkes und für mich auch ein sehr wichtiges Gefühl. Man erinnert sich ja nicht im Detail an jenes Ereignis, sondern nur bestimmte Sequenzen, die ein schönes Gefühl auslösen (manchmal fehlt eine Sequenz, also ein Bild vor Augen vollständig, und nur das Gefühl bleibt). Details, wie wer genau da war, wie spät und welcher Wochentag es war, welche Hausarbeiten noch zu erledigen waren, sie verschwinden, wir vergessen sie, aber die Erinnerung daran, dass die Sache an sich geschehen ist, bleibt. Diese Erinnerung verschwindet dann in unserem Kopf, sodass sie vergessen scheint, aber doch ganz unerwartet wieder hervorkommt, entweder durch etwas Äußeres ausgelöst oder einfach so. Ein wirklich schönes Gefühl.
Davon handelt auch folgendes Haiku. Ich bin erst diesen Sommer so wirklich auf Brettspiele gestoßen und habe dementsprechend erst vor kurzer Zeit viel gespielt. Ich bin mir sicher, dass sich daraus auch Nostalgie entwickeln wird. Wenn man mich dann in zehn Jahren zu einer Partie jenes Spiels einlädt, werde ich jenes Gefühl verspüren. Und dann werde ich mich inspiriert fühlen, darüber zu schreiben.

Die Tischlampe brennt.
Konflikt zwischen uns beiden:
Brettspielabend.

D.S.

Haiku #1 – von einer Schreibblockade

Gedicht

Nach längerer Sendepause konnte ich mich wieder dazu aufraffen, etwas zu veröffentlichen. In letzter Zeit fiel mir das Schreiben nicht besonders leicht, habe dafür die Form des Haiku wiederentdeckt, die man ja eher aus frühen Schuljahren kennt. Diese scheinbar simple Gedichtform hat mir geholfen, mich aus diesem Schreibtief zu ziehen. 5 Silben, dann 7 und wieder 5 und man hat etwas Aussagekräftiges geschaffen – einfacher kann es doch nicht sein, oder? Aber ein schön klingendes Haiku zu schreiben ist doch schwerer als gedacht und ich übe mich immer noch darin. Von meinen Versuchen werdet ihr noch genug sehen. Bis dahin: ein Haiku über die letzten inspirationslosen Wochen.

Im Fenster brennt Licht.
Ich versuche zu schreiben.
Das Papier bleibt leer.

D.S.

Social Media

Gedankenabriss

Ich habe mir wieder ein Twitter-Profil erstellt. Ich schätze kurze Gedanken sind dort eher aufgehoben, als auf diesem Blog. Mein instagram Account existiert schon länger und ich poste da auch, manchmal jedenfalls. Mein Spotify habe ich ebenfalls in die Menüleiste gesetzt. Vielleicht findet ja jemand ein paar neue Lieder. Hoffentlich sagt euch etwas davon zu!

Viel Spaß!

D.S.

Abschlussfahrt nach Prag

Gedankenabriss

Nach über einer Woche in Prag kann ich nur sagen, dass ich diese Großstadt, die Metro, die Tram, die Restaurants, ja sogar den Lärm, vermisse, besonders das ungewöhnlich günstige, gute Bier. Und weil zu dieser Zeit Deutschland in der WM gespielt hat, wurde auch jede Menge Staropramen (natürlich alkoholfrei) verkostet – war ja egal, ob gewonnen oder verloren wurde. Und so viel Spaß wir auch hatten, sei es eben beim Fußballschauen, dem kuriosen Besuch beim Schwarzmarkt (über die Ausbeute sollte man wohl aus legalen Gründen nicht öffentlich sprechen) oder einfach nur die spontanen Versammlungen auf den Zimmern, gab es auch wirklich anstrengende Tage. Natürlich war es körperlich ermattend, beispielsweise mehrstündig in der prallen Hitze an der Moldau entlangzuwandern, aber was mehr Spuren hinterlassen hat, war der Ausflug nach Theresienstadt und Lidice.

Über Lidice habe ich bereits geschrieben und es verarbeitet. Es war teilweise wirklich schwer Tränen zurückzuhalten – manchen gelang es gar nicht erst. Fernab von der emotionalen Seite habe ich aber eine sehr interessante Entdeckung gemacht: Wie Informationen Erwartungen zerstören und völlig neue Bilder formen. Wenn man sich zunächst auf das Gelände von Lidice begibt, sieht man nur weite grüne Wiesen, wirklich bildschön. Leute spazieren, spielen mit ihren Kindern, führen die Hunde aus. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur lustige Gedanken, man kann ja nicht damit rechnen, was hinter der Geschichte einer Wiese steckt. Als dann unsere Führerin von den Bewohnern und ihrem Schicksal zu erzählen begann und ihr dabei Tränen in die Augen schossen, waren es plötzlich nicht nur Wiesen, sondern viel mehr. Mein Lehrer wechselte dort beiläufig ein paar Worte mit mir: „Das ist das schrecklichste Denkmal.“ „Keins“, fügte ich kopfschüttelnd hinzu, aus purer Trauer und Enttäuschung über das, was ich auf diesem Boden zugetragen hat. All das Blut, die Tränen, das Leid waren inzwischen längst in den Boden versickert, bloß wir schreiben der Grünfläche diese Bedeutung zu, halten diese Erinnerungen frisch. Ich schätze, das müssen wir tun und das soll sich nicht nur auf Lidice beschränken. Komisch, dass wir den meisten unserer Feiertage keinen besonders großen Wert oder Emotionen zuschreiben, höchstens ein „Geil, heute frei.“

Theresienstadt habe ich als weniger emotional in Erinnerung. Das liegt wohl daran, dass es zur Zeit des Besuchs sehr früh war und ich auf dem Hinweg geschlafen habe, dazu hatte unsere Führerin – nicht dieselbe, wie in Lidice – keine großartige Motivation uns durch diese Festung zu führen, aber eben der Aspekt der Festung hat mich so fasziniert: Wo man auch hinschaut hohe und dicke Mauern, sich überall durchziehende Tunnel, Schießsparten, überschaubare Innenhöfe, fast vollständige Ausbruchssicherheit. Und obgleich ich völlig schlaftrunken war, konnte ich mir vorstellen, dass die Arztbesuche, das Duschen und Schlafen dort absolut kein Vergnügen war. Danach sind wir erst nach Lidice gefahren. Zu wissen, wo die Frauen und Kinder hinkamen, die nicht wie die Männer an Ort und Stelle exekutiert wurden, traf einen dann im Nachhinein.

Ich hätte sicherlich über ein paar fröhlichere Themen sprechen können, allerdings halte ich diese Erfahrungen für besonders wertvoll und brauchte noch eine Plattform, um mich auszusprechen, diese Orte liegen mir eben noch auf dem Herzen. Insgesamt war es eine sehr muntere Fahrt, wir haben sehr viel Spaß gehabt, sehr viele Späße getrieben und merkwürdige Spielchen in der Innenstadt gespielt. Ich lege es also jedem einfach ans Herz mal nach Prag zu fahren, gerade die Architektur ist atemberaubend, der starke Nationalitätenmix ist auch mal sehr interessant anzuschauen, alles von Spaniern bis Russen ist vertreten, und das Essen ist auch sehr lecker (mit Geduld, einem wachsamen Auge und Google Maps ist das Essen auch sehr günstig). Ich würde mich aber von abgelegenen Subways fernhalten, bei denen man zu keiner Uhrzeit irgendeinen Kunden entdecken kann; das Portemonnaie sollte man in irgendeiner Bauchtasche tragen, das Smartphone übrigens auch; bei Verhandlungen auf dem Schwarzmarkt ist es ratsam hartnäckig zu bleiben; Schwarzfahren lohnt sich nicht, weil man weniger als einen Euro für die Tickets zahlen muss, die Strafe ist unendlich viel höher – hab ich mal gehört.

(Übrigens habe ich ein paar Bilder auf meinem instagram Profil hochgeladen. Ihr findet die Verlinkung in der Menüleiste.)

D.S.

Du wechselst immer noch ungestört deine Farben

Erzählung

Lidice

Wir stehen hier, Schulter an Schulter, seit einer Ewigkeit; trotzen Wind und Wetter; fürchten uns; wagen nicht uns zu rühren; schauen in die Ferne. Ein paar Steine, Andeutungen, Andenken, zeichnen sich auf den weiten grünen Wiesen ab. Der Himmel stützt sich auf einen Wald am Ende der Welt, wie sich ein Kranker auf seine Krücken stützt, wie sich ein munterer Mensch lässig gegen eine Mauer lehnt.

Und wie er dort stützt, lehnt, einfach da steht! In diesem antiken, edlen Blau, frei von Schmutz; der Sandstein, aus dem die dich fast berührenden Kirchen in den Städten gebaut sind, liegt so schön an dir. Es ist ein tiefes Blau und wenn man hineinschaut, läuft man Gefahr, darin zu versinken oder sich ein paar Schrammen vom Ballspielen einzuholen.

Und manchmal diese kleinen Wolken, die den blauen Fluss unterbrechen, waren immer das Verstörendste für uns. Völlig trüb in Grau oder Weiß zeigst du dich immer noch all zu gerne – ich weiß gar nicht, wer dich traurig gemacht hat. Oft fing es dann an zu regnen. Ich weiß noch, wie wir uns unter Vordächern vor deinen Tränen – ob sie auch uns gewidmet sind? – versteckten. Oder doch lachend in die Pfützen sprangen.

Und zum Abend wählst du deine Farben frei: Pastelllila, wenn du uns in Staunen versetzen wolltest; Blutrot, wenn du wolltest, dass wir den Sonnenuntergang anschauen, ob laut mit Freunden und der Familie oder romantisch, still mit der Freundin im Arm; Schwarz, sodass wir uns fragten, ob du je für uns da warst. Warst du je da?

Wenn wir dich angelacht haben, hast du zurückgelacht? Als wir in deinem Sonnenuntergang tanzten, hast du mit eingestimmt, tanzend oder musizierend, überhaupt nur den Takt mittippend? Zurückgezeigt, als wir die Formen der Wolken nachzogen, wenn wir mehr in ihnen sahen als nur Wolken: Schlösser, Drachen, Gitarren, Herzen, meinen Hund? Hast du genau so geweint und Angst gehabt, als sie kamen und wir gingen? Hast du dir Sorgen gemacht, als wir nicht mehr wieder kamen?

Du hast, wie immer, nur zugeschaut, keine Hand ausgestreckt. Jetzt stehen wir jeden Tag unter dir, ich hoffe du schaust mal herunter und denkst an uns – wir schauen durch tote Steinaugen über die Kuscheltiere zu unseren Füßen auf die weiten Wiesen und bunten Blumen, dorthin wo zuhause war.

D.S.

Bei Nacht

Erzählung

Sein Colt klappert über der Hüfte; sein Revolver liegt eng an den Rippen. Er tippt hektisch am Griff; er ist seelenruhig und blickt mit zusammengerückten Augenbrauen in die Ferne. Unter der untergehenden Sonne – die Schatten liegen lang – nähert sich der vereinbarte Ort, der Ort, den jeder kennt, so viele lieben, so viele verabscheuen, so viele nicht zu betreten wagen. Sie stehen nun da, stumm sich gegenüber; der Mond ist inzwischen aufgegangen. Sie schauen sich an, starren viel eher, und erklären den jeweils anderen zum Feind, obgleich sie ähnliche Züge zeigen. Der Griff zum Holster ist wie gespiegelt, eine Wolke verdeckt den Mond, Lichtblitze erhellen die Stätte, als die Wolke das Mondlicht freigibt.

Ihr schießt, ihr schießt und wir winseln alle vor Schmerz. Lasst es bleiben! Lasst es doch bleiben.

Ich sehe, ihr rüstet euch erneut für den Krieg bei Nacht.

Die Scherben sammeln wir am Morgen auf.

D.S.